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Rohrdommel (Botaurus stellaris)

Die Rohrdommel (Botaurus stellaris) ist ein heimlicher Bewohner ausgedehnter Röhrichtbestände. Obwohl einer der größten Vögel heimischer Feuchtgebiete, bekommt man die Rohrdommel kaum zu Gesicht. Auffällig sind dagegen die weithin hörbaren Rufe, die an das dumpfe Gebrüll von Rindern erinnern, was der Rohrdommel mancherorts den Namen „Moorochse“ eingebracht hat.

Ein Leben am Wasser

Die Rohrdommel ist nahe mit dem Graureiher und anderen Reiherarten verwandt. Ihr Verbreitungsgebiet reicht von Nordafrika über Mittel- und Osteuropa bis nach Ostasien. Spätestens im März oder April kehren die Vögel in ihre Brutgebiete zurück. Dann sind vor allem in der Abend- und Morgendämmerung die dumpfen, weit tragenden Rufe des Rohrdommel-Männchens zu hören. Das Nest wird zwischen Schilfhalme unmittelbar über der Wasseroberfläche gebaut. Ab Mitte April legt das Weibchen 3 bis 5 Eier. Nach etwa 25 Tagen schlüpfen die Jungen. Erst mit 55-60 Tagen, also etwa ab Mitte Juli sind sie selbständig. Das Brutgeschäft und die Aufzucht der Jungen sind allein Sache des Weibchens. Männchen sind häufig polygam, d. h. sie verpaaren sich innerhalb einer Saison mit mehreren Weibchen.

Die Nahrung für die Jungen – vorwiegend Lurche und deren Larven, kleine bis mittelgroße Fische sowie verschiedene wirbellose Tiere – sucht das Weibchen anfangs in der näheren Umgebung des Nestes, später werden auch weiter entfernte Nahrungsplätze (bis 1 km) aufgesucht. Dabei kann die Rohrdommel, die ansonsten das schützende Röhricht kaum verlässt, auch im Fluge beobachtet werden.
Ein Teil der heimischen Population verbringt den Winter wahrscheinlich im Brutgebiet, der andere Teil zieht im Spätsommer oder Herbst nach Süd-, West- oder Südwesteuropa.

Überleben im Schilf

Die Rohrdommel bevorzugt Feuchtgebiete, vor allem Standgewässer mit ausgedehnten Röhrichten. An diesen Lebensraum ist sie hervorragend angepasst: Mit ihren sehr großen Füßen kann sie ganze Büschel von Pflanzenstängeln umfassen und sich so im Röhricht fortbewegen. Ihr schwarz-braun-gelbes Gefieder ist Teil ihrer perfekten Tarnung. Wird die Rohrdommel überrascht, nimmt sie die sog. „Pfahlstellung“ ein – Kopf und Schnabel werden senkrecht nach oben gestreckt, der Vogel beginnt wie Schilf im Wind zu schwanken, die Längsstreifen ihres Gefieders vervollständigen die Illusion eines wogenden Röhrichts.

Rohrdommeln benötigen viel Raum: Ihre Reviere haben eine Größe von 8 bis 50 ha. Wichtig sind vor allem ausgedehnte Röhrichtflächen von mindestens 1 bis 2 ha Größe. In Teichgebieten können auch nahe beieinander liegende kleinere Flächen besiedelt werden, wenn die gesamte Röhrichtfläche eines Teichgebietes nicht kleiner als 3 bis 4 ha ist. Der optimale Lebensraum ist gut strukturiert, d. h. von kleinen offenen Wasserflächen durchsetzt und nicht zu dicht. Das Wasser darf nicht zu tief sein, optimal sind ca. 50 cm. Zu trockene und sehr dichte Röhrichte werden weitgehend gemieden. Schließlich muss genügend Altschilf vorhanden sein, das den Rohrdommeln bereits im zeitigen Frühjahr ausreichende Deckung bietet.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist das Nahrungsangebot. Die Rohrdommel benötigt Gewässer, in denen sie insbesondere nach Lurchen und Wildfischen jagen kann. In Teichgebieten können auch Nutzfische (z. B. junge Karpfen) zum Nahrungsspektrum gehören.

Indikator für naturnahe Gewässer

Die Rohrdommel ist eine „Leitart“ für große, naturnahe Standgewässer mit einer ausgeprägten Verlandungszone. Sie steht damit stellvertretend für zahlreiche Pflanzen- und Tierarten, die auf diesen Lebensraum angewiesen sind.

Lebensraum im Wandel der Zeit

In Sachsen kommt die Rohrdommel hauptsächlich in größeren Teichgebieten vor. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts boten ausgedehnte Röhrichte und ein – durch die extensive Bewirtschaftung bedingtes – großes Nahrungsangebot nahezu ideale Lebensbedingungen. Insbesondere in den 1960er bis 1980er Jahren führte die zunehmende Intensivierung der Teichwirtschaft zu einem deutlichen Bestandsrückgang. Röhrichte und Verlandungszonen in den Teichen wurden in großem Umfang beseitigt. Durch die hohe Besatzdichte mit Speisekarpfen und eine Reihe teichwirtschaftlicher Maßnahmen verringerte sich die Dichte von Lurchen und Wildfischen deutlich. Erst seit den 1990er Jahren konnte die Lebensraumsituation für die Rohrdommel in Sachsen durch Schutzmaßnahmen wieder verbessert werden.

Hoffnung in Sachsen

Der europäische Bestand wird auf derzeit 34.000 bis 54.000 rufende Männchen geschätzt, in Deutschland sind es 580 bis 610. Vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben die Populationen in Europa drastisch – teilweise um mehr als zwei Drittel – abgenommen. Ursache ist vor allem die Entwässerung von Feuchtgebieten, aber auch die Intensivierung der teichwirtschaftlichen Nutzung und der zunehmende Freizeitdruck. Sowohl in der Roten Liste Deutschlands als auch in der von Sachsen musste die Rohrdommel als „vom Aussterben bedroht“ eingestuft werden. In Sachsen wurde Mitte der 1990er Jahre noch ein Bestand von 25 bis 35 rufenden Männchen ermittelt.
Zumindest in Sachsen hat sich der Trend inzwischen umgekehrt: Auch Dank der Schutzbemühungen liegt der aktuelle Bestand zwischen 55 und 65 rufenden Männchen, allerdings sind dies noch immer weit weniger als in früheren Zeiten.

Verbreitung der Rohrdommel in Sachsen

Verbreitung der Rohrdommel in Sachsen

Erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Naturschutz und Teichwirtschaft

Die naturschutzgerechte Bewirtschaftung von Teichen ist eine wichtige Voraussetzung  für den Schutz der Rohrdommel in Sachsen. Erfahrungen aus dem von der EU geförderten LIFE-Projekt „Doberschützer Wasser“ im Landkreis Bautzen haben gezeigt, dass ein spezielles Management zu einer Sicherung des Rohrdommelbestandes beitragen kann. Inzwischen wird im Rahmen der Richtlinie „Agrarumweltmaßnahmen und Waldmehrung“ die extensive Teichwirtschaft finanziell gefördert.

Ziel ist es, in jedem größeren Teichgebiet zumindest eine ausgedehnte Röhrichtfläche (>2 ha) zu etablieren und mit anderen Flächen zu vernetzen. Das Schneiden des Schilfes sollte auf das unbedingt Nötige beschränkt werden und zur Brutzeit an Teichen mit Rohrdommel-Vorkommen ganz unterbleiben. Durch geeignete Maßnahmen sollen aber auch einer Verlandung der Röhrichte entgegengewirkt und offene Bereichen innerhalb der Vegetationszonen geschaffen werden.

Außerhalb der Teichgebiete können vor allem in den Bergbaufolgelandschaften neue Lebensräume entstehen. Voraussetzung dafür sind Flachwasserbereiche, in denen sich Schilf und Rohrkolben ansiedeln können, und der Schutz vor Störungen z. B. durch Freizeitaktivitäten.

Fazit

Die europaweit gefährdete Rohrdommel steht für die Lebensgemeinschaft großer, naturnaher Standgewässer und ist deshalb ein unverzichtbarer Bestandteil unserer sächsischen Fauna. Durch eine angepasste Teichwirtschaft sowie spezielle Schutz- und Managementmaßnahmen kann ihr Bestand gesichert werden. Damit ist die Rohrdommel ein gutes Beispiel dafür, wie sich durch die Zusammenarbeit zwischen Naturschutz und Landnutzern seltene Arten erhalten und fördern lassen.

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Bild: Biologische Vielfalt

Ansprechpartner

Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft

Referat 56, Schutzgebiete, Biotop- und Artenschutz

Postkarte und Begleitheft

Rohrdommel (Botaurus stellaris)

Fotos

Rohrdommel

Vogelschutzwarte Neschwitz Rohrdommel (Foto: G.Fünfstück)

Rohrdommel

Vogelschutzwarte Neschwitz Rohrdommel (Foto: G.Fünfstück)

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