Birkhuhn (Tetrao tetrix)
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Birkhuhn (Tetrao tetrix)

Letzter Vorhang für ein einmaliges Naturschauspiel?

Die Balz des Birkhuhns ist eines der eindrucksvollsten Schauspiele unserer Natur. Die „Tänze“ der farbenprächtigen, um die Weibchen werbenden Hähne, die seltsamen kollernden Rufe und eine meist malerische Landschaft verdichten sich zu einem einmaligen Erlebnis für Naturbeobachter. Vor 150 - 200 Jahren noch weit auf Wiesen, in Auen, auf Mooren, in Heiden und in den aufgelichteten Wäldern verbreitet, steht das Birkhuhn in Sachsen kurz vor dem Aussterben. Zur Rettung dieses schönen Vogels sind besondere Anstrengungen nötig.

Ein hartes Leben

Zusammen mit Auer-, Schnee- und Haselhuhn zählt das Birkhuhn (Tetrao tetrix) zu den Raufußhühnern, Verwandte des Haushuhns, die durch eine dichte Befiederung an den Beinen auch mit kaltem Wetter gut zurechtkommen.

Ab Mitte März, spätestens im April sammeln sich die Hähne in der frühen Morgendämmerung zur Gruppenbalz. An die meist jahrzehntelang genutzten Balzplätze stellen sie hohe Ansprüche: häufig sind es Kuppen oder Senken mit niedriger oder fehlender Vegetation, die eine freie Sicht ermöglichen. Es gilt eine klare Rangordnung: die dominanten, meist älteren Tiere besetzen die Zentren der Balzarena, während den jüngeren nur die Randplätze bleiben. Erst Ende April/Anfang Mai kommen die Hennen zur Paarung. Im Gegensatz zu den Hähnen sind sie dabei sehr vorsichtig und finden sich erst auf dem Balzplatz ein, wenn sie sicher sind, dass keine Gefahr droht.

Nach der Paarung kümmern sich die Hennen allein um Brut und Jungenaufzucht. Das Nest wird in einfachen Mulden unter Grasbüscheln oder Zwergsträuchern gebaut. Im Mai werden meist 7 bis 10 Eier gelegt und etwa 28 Tage bebrütet. Als Nestflüchter verlassen die Küken das Nest schon einen Tag nach ihrer Geburt. In der ersten Zeit sind sie ziemlich empfindlich: um optimal zu gedeihen, brauchen sie insbesondere trocken-warmes Wetter. Vier Wochen später sind sie flugfähig. Erst im September löst sich der Familienverband auf.

Birkhühner ernähren sich vor allem von energiereicher pflanzlicher Kost. Im Frühjahr sind es z. B. austreibende Blattknospen der Laubbäume und im Herbst die Früchte von Heidel- und Preiselbeere sowie anderen Zwergsträuchern, aber auch die von der Eberesche. Im Winter bilden Knospen und Triebe von Bäumen sowie die Kätzchen der Birke die Hauptnahrung. Küken sind in den ersten Lebenswochen auf tierische Nahrung wie Spinnen und Insekten (z. B. Waldameisen) als Eiweißlieferanten angewiesen.

Spätestens mit dem ersten Schnee beginnt für die Birkhühner die harte Jahreszeit. Das Nahrungsangebot geht deutlich zurück. Viele der Nahrungspflanzen sind unter der Schneedecke nicht mehr erreichbar. Die Kälte tut ihr übriges. Das Leben zu dieser Zeit ist ein Leben auf Sparflamme: jede unnötige Bewegung wird vermieden. Störungen sind in dieser Zeit deshalb besonders gravierend.

In Moor und Heide

Das Birkhuhn ist ein charakteristischer Bewohner halboffener, winterkalter Landschaften. Hauptverbreitungsgebiet ist der Taigagürtel im Norden Europas und Asiens, besiedelt werden aber auch die Alpen, viele europäische Mittelgebirge und größere Moore und Heiden in tieferen Lagen. Entscheidend sind große, störungsarme und nur locker mit Gehölzen bestandene Landschaften mit einem reichen Angebot an beerentragenden Pflanzen.

In Sachsen sind dies v. a. die licht bewaldeten Kammlagen des Erzgebirges, die eng mit offenen Mooren und weiträumigen, extensiv genutzten Bergwiesen verzahnt sind, und die Heidegebiete der Lausitz. Auch große, anthropogen entstandene Freiflächen, wie sie z. B. im Erzgebirge als Folge von Immissionsschäden und in der Lausitz in der Bergbaufolgelandschaft und auf den Truppenübungsplätzen existieren , sind geeignet. Ein wichtiger Faktor ist die Flächengröße: Lebensräume unter 1 km2 Größe werden kaum besiedelt, der Raumbedarf für eine überlebensfähige Population in Sachsen wird auf 200 - 300 km2 - ungefähr die Ausdehnung der Stadt Dresden – geschätzt.

Verbreitung des Birkhuhns in Sachsen

Verbreitung des Birkhuhns in Sachsen

Eine Schlüsselart für den Schutz der biologischen Vielfalt

Wie kaum eine andere Art verkörpert das Birkhuhn die unterschiedlichen Facetten des Naturschutzes: Es repräsentiert großflächige, unberührt wirkende Naturlandschaften, ist aber gleichzeitig ein Kulturfolger, der von Menschen geschaffene Lebensräume wie Heiden, Bergwiesen und Kahlschläge bewohnt. Es ist „Stellvertreter“ für Tausende von Arten, die auf solche Lebensräume angewiesen sind. Und nicht zuletzt steht die Schönheit und Faszination dieses Vogels für die ästhetisch-ethische Komponente der biologischen Vielfalt.

Landschaft im Umbruch

Im Verbreitungsbild des Birkhuhns spiegelt sich die Kulturgeschichte Mitteleuropas wider. Einst ausschließlich auf die Waldgrenzbereiche der Hochgebirge und der Moorränder beschränkt, nutzte es mit der Besiedelung durch den Menschen auch die Kulturlandschaft. So konnte dieser Vogel weite Teile Sachsens nur deshalb besiedeln, weil der Mensch vor allem im Spätmittelalter durch Abholzung, Auflichtung der Wälder und eine stark differenzierte Landnutzung geeignete Lebensräume geschaffen hatte. Der Rückgang des Birkhuhns setzte mit den Aufforstungen und großflächigen Entwässerungen der Moore im 19. Jahrhundert ein. Möglicherweise hat dabei auch die Jagd eine Rolle gespielt.

Im 20. Jahrhundert führten die Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung durch den Einsatz von Technik, Dünger und Pflanzenschutzmitteln einerseits sowie die Nutzungsaufgabe in den Heidegebieten andererseits zu einem weiteren Verlust an Lebensräumen, so dass das Birkhuhn in den tieferen Lagen inzwischen wieder weitgehend verschwunden ist. In den Kammlagen des Erzgebirges wurde das Birkhuhn kurzzeitig durch das „Waldsterben“ gefördert. Die Maßnahmen zum Walderhalt und zur Wiederbewaldung, geänderte Bewirtschaftungsmethoden, aber auch die Aufgabe der Nutzung von landwirtschaftlichen Grenzertragsflächen und die Störungen durch Erholungssuchende im Sommer wie im Winter haben jedoch auch hier die Population wieder auf ein Existenzminimum zusammenschrumpfen lassen.

Dramatischer Rückgang

In ganz Europa leben derzeit weit über 300.000 Birkhühner. Die Mehrzahl davon ist im Norden Skandinaviens und Russlands zu finden, der mitteleuropäische Bestand wird auf 25.000 bis 35.000 Exemplare geschätzt, in Deutschland sind es etwa 2.500 (davon 2.000 in den Alpen). Außerhalb der Alpen kommt das Birkhuhn nur noch in der Rhön, im Bayerischen Wald, in einigen Heiden und Mooren Niedersachsens und eben in Sachsen vor.

Wie in anderen Teilen Mitteleuropas auch haben die Bestände in Sachsen erheblich abgenommen. Ehemals bis in die Tieflagen verbreitet, hat sich das Birkhuhn weitgehend in die grenznahen Bereiche des Erzgebirges zurückgezogen. Diese sind Teil einer sächsisch-tschechischen Population mit einem Bestandsschwerpunkt auf böhmischer Seite. Eine isolierte Restpopulation existiert außerdem noch in der Muskauer Heide. Nachdem sich die Bestände Anfang der 1990er Jahre leicht erholt hatten, leben aktuell nur noch 50 bis 60 Tiere in Sachsen. Das Birkhuhn steht in Sachsen damit kurz vor dem Aussterben.

Letzte Rettung

Für das Birkhuhn in Sachsen ist es Fünf vor Zwölf. Deshalb hat das Sächsische Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft das Sächsische Landesamt für Umwelt und Geologie mit der Umsetzung von Artenschutzmaßnahmen beauftragt. Wichtigste Aufgabe ist dabei die Erhaltung und Entwicklung geeigneter Lebensräume. Dies ist nur durch eine Kooperation aller Landnutzer, Naturschutzverbände und zuständigen Behörden, auch grenzüberschreitend zu erreichen. Viele gute Beispiele zeigen, dass eine Zusammenarbeit zwischen Artenschützern, Förstern und Jägern möglich ist. So werden zugewachsene Heiden und Lichtungen freigestellt, Moore wiedervernässt und Bergwiesen extensiv genutzt. Von zentraler Bedeutung sind aber auch entsprechende waldbauliche Maßnahmen, z. B. die Anpflanzung standortgerechter Laubbäume, die Förderung von Pionierstadien und lichten Wäldern oder die Erhaltung großer Lichtungen. Nicht zuletzt müssen geeignete besucherlenkende Maßnahmen für einen ausreichenden Schutz vor Störungen sorgen.

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Bild: Biologische Vielfalt

Ansprechpartner

Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft

Referat 51, Grundsatzfragen, Recht, Umweltbildung

Artenheft und Postkarte

Birkhuhn (Tetrao tetrix)

Fotos

Birkhuhn (Foto: Archiv LfUG, H. -D. Schernick)

Birkhühner balzen in der frühen Morgendämmerung. Neben den auffälligen kollernden Rufen sind aus der Ferne häufig nur die roten „Rosen“ über den Augen zu erkennen. (Foto: Archiv LfUG, H. -D. Schernick)

Birkhuhn (Foto: Archiv LfUG, R. Stets)

Das Weibchen des Birkhuhns ist durch das braune Gefieder gut getarnt. (Foto: Archiv LfUG, R. Stets)