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Biologische Vielfalt - Fledermaus

Dracula in Sachsen?

Kaum bekannt, eher gefürchtet, und doch meist ganz in unserer Nähe: in Sachsen beziehen 7 Fledermausarten hauptsächlich in oder an Gebäuden ihre Quartiere. Eine davon ist das Große Mausohr (Myotis myotis), eine der größten heimischen Arten. Mit Graf Dracula haben unsere Fledermäuse nichts zu tun, sie sind allesamt nützliche Insektenfresser. Vor allem als Folge eines übermäßigen Pestizideinsatzes sind die Bestände vieler Arten zurückgegangen. Auch dank des Engagements vieler Hausbesitzer kann über Erfolge im Fledermausschutz berichtet werden: Die Bestände einiger Arten nehmen wieder zu.

Ein bewegtes Leben

Der Jahreszyklus der heimischen Fledermäuse ist im Wesentlichen dreiphasig: Im Sommer schließen sich die Weibchen zu großen Kolonien, sog. „Wochenstuben“ zusammen. Beim Großen Mausohr sind es meist bis zu 200, in einigen wenigen größeren Kolonien sogar bis zu 1.200 Tiere. Ende Mai bis Ende Juni bringen die Weibchen ein Junges zur Welt. Während der nächtlichen Jagd bleiben die Jungtiere im Quartier zurück und werden hier von den Weibchen gesäugt. Sobald die Jungen selbständig sind, beginnt die Paarungszeit – beim Großen Mausohr etwa ab Mitte August: die Wochenstuben lösen sich auf und die Tiere sammeln sich in Paarungsquartieren. Hier treffen sie auf die Männchen, die den Sommer meist einzeln verbringen.

Während die Paarung beim Großen Mausohr ziemlich unspektakulär ist, zeigen andere Arten wie z. B. der Abendsegler (Nyctalus noctula) oder die Zweifarbfledermaus (Vespertilio murinus) ein auch für uns Menschen auffälliges Balzverhalten: die Männchen besetzen einzelne Reviere und versuchen durch besondere Rufe – vergleichbar mit dem Gesang der Vögel – Weibchen anzulocken. Den Winter (meist von Oktober bis März) verbringen Fledermäuse schließlich im Winterquartier, wo sie die kalte Jahreszeit mit einem echten Winterschlaf überbrücken. Zwischen Sommer-, Paarungs- und Winterquartier werden teilweise weite Strecken zurückgelegt: Beim Mausohr sind es bis zu 200 km; andere Arten wie der Abendsegler sind ausgesprochene „Wanderer“ und überwinden alljährlich mehr als 1.000 km.

Hohe Ansprüche

Die einzelnen Fledermaus-Arten haben meist sehr spezifische Ansprüche an ihre Quartiere bzw. ihren Jagdlebensraum. Die Weibchen des Großen Mausohrs nutzen z. B. geräumige, trockene Dachstühle, häufig in Kirchen oder anderen älteren Gebäuden für ihre Wochenstuben. Den Winter, aber auch die Paarungszeit verbringen sie in ehemaligen Bergwerken, Bergwerksstollen und frostfreien Kellern.

Bevorzugtes Jagdrevier des Großen Mausohrs sind Wälder ohne ausgeprägte Strauch- und Krautschicht, da sie ihre Beute  – im Gegensatz zu den meisten anderen Fledermausarten – häufig direkt vom Boden aufnehmen. Fledermäuse haben einen hohen Nahrungsbedarf; dies und die große Individuenzahl in den Wochenstuben führen dazu, dass manche Weibchen in einer Nacht bis zu 25 km weit fliegen müssen.

Insbesondere kleinere Fledermausarten wie die Zwergfledermaus (Pipistrellus pipistrellus) verbringen den Tag in Spaltenquartieren, z. B. in Mauerfugen, unter Dächern oder hinter Fensterläden. Andere Arten wiederum, z. B. das in Sachsen weit verbreitete Braune Langohr (Plecotus auritus), besiedeln v. a. Baumhöhlen und Nistkästen in Wäldern. Auch hinsichtlich des bevorzugten Jagdlebensraumes gibt es große Unterschiede: das Spektrum reicht vom Abendsegler, der in großer Höhe im freien Luftraum jagt, über die Zwergfledermaus, die überall dort zu finden ist, wo sich große Insektenkonzentrationen sammeln (z. B. über Gewässern oder unter Straßenlaternen), bis zum Langohr, welches seine Nahrung von Blattoberflächen „abpickt“.

Nützliche Gesellen

Alle heimischen Fledermaus-Arten sind Insektenfresser. Dabei benötigen sie große Nahrungsmengen: Allnächtlich müssen sie bis zu einem Drittel ihres Körpergewichts aufnehmen, allein Sachsens Große Mausohren vertilgen alljährlich bis zu zehn Tonnen! Damit erfüllen Fledermäuse eine wichtige Aufgabe im Rahmen der natürlichen Schädlingsbekämpfung.

Eine Erfolgsgeschichte

Mitte des 20. Jahrhunderts nahmen die Fledermausbestände rapide ab. Schuld daran war in erster Linie der unkritische und flächendeckende Einsatz von Pestiziden. Nachdem in den 1970er Jahren zahlreiche Pestizide verboten wurden und die Ausbringung stark reglementiert wurde, aber auch dank vieler einzelner Schutzmaßnahmen konnten sich die Bestände vieler Arten inzwischen wieder erholen. Der Gesamtbestand des Großen Mausohrs in Sachsen beträgt derzeit wieder etwa 10.000 Tiere.

Heutzutage geht die Hauptgefährdung von einer – häufig unbeabsichtigten – Zerstörung der Quartiere aus. Für das Große Mausohr problematisch sind z. B. Renovierungsarbeiten an Dachstühlen während der Jungenaufzucht oder die Behandlung mit giftigen Holzschutzmitteln.

Freunde gesucht

Obwohl harmlos wurden Fledermäuse lange Zeit als Unheilbringer verfolgt oder als vermeintliche Blutsauger verfemt. Das hat sich erfreulicherweise inzwischen geändert. Dennoch sind die Flattertiere auf unsere Hilfe angewiesen, gerade deshalb, weil viele Arten in oder an Gebäuden  ihre Quartiere haben. Wir können viel für sie tun: bekannte Quartiere erhalten und neue Quartiere schaffen, meist sogar mit sehr einfachen Mitteln. Wegweisend ist dabei die Aktion „Fledermaus komm ins Haus!“ der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt, die mit vielen Tipps zum Schutz aufwarten kann und besonders fledermausfreundliche Mitmenschen auszeichnet.

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Bild: Biologische Vielfalt

Ansprechpartner

Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft

Referat 51, Grundsatzfragen, Recht, Umweltbildung

Fotos

Zwergfledermaus (Foto: Archiv LfUG, M. Wilhelm)

Die Zwergfledermaus ist eine der kleinsten und häufigsten heimischen Fledermäuse. Sowohl Sommer- als auch Winterquartiere finden sich meistens in Gebäuden. (Foto: Archiv LfUG, M. Wilhelm)

Mausohr (Foto: Archiv LfUG, H. Riebe)

Wie viele andere Fledermausarten überwintert das Mausohr vor allem in frostfreien, aber kalten und nicht zu trockenen Kellern und Bergwerksstollen. (Foto: Archiv LfUG, H. Riebe)