Aal (Anguilla anguilla)
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Aal (Anguilla anguilla)

Der Marathon zum Meer

Fast jeder kennt Filmaufnahmen vom spektakulären Zug der Lachse (Salmo salar) in Alaska: sie ziehen in solchen Mengen zur Eiablage flussaufwärts, dass sich Bären und Greifvögel von weither sammeln, um sich satt zu fressen. Obwohl es meist völlig unbemerkt vor sich geht, finden auch bei uns so spektakuläre Wanderzüge statt. Lachse gibt es auch in der Elbe, und wie sie gehören noch eine ganze Reihe von Arten zu den Langdistanzwanderfischen. In die entgegengesetzte Richtung zieht es den Europäischen Aal (Anguilla anguilla): nach vielen Jahren in unseren Gewässern schwimmen geschlechtsreife Tiere die Flüsse hinab und quer durch den Atlantischen Ozean, um vor der Küste Nordamerikas zu laichen. Dabei legen aus Sachsen kommende Tiere mindestens 7.000 Kilometer zurück – ein Rekord unter den heimischen Fischarten. Gleichzeitig ist der Aal für die Berufsfischerei und die Angler einer der wichtigsten Fische in Deutschland. In den norddeutschen Seen werden jährlich etwa 300 t Aal gefangen. Aktuelle Gefahren und mögliche Chancen für wandernde Fischarten können am Beispiel des Aals besonders gut verdeutlicht werden.

Kinderstube auf hoher See

In der Sargassosee - einem Teil des Südwestatlantiks südlich der Bermudainseln und östlich von Florida – schlüpfen unsere Flussaale aus den Eiern. Als sogenannte „Weidenblattlarven“, die noch gar nicht an Aale erinnern, driften sie mehrere Jahre mit den Golfstrom an die europäischen Küsten. Erst hier nehmen sie ihre charakteristische, schlangenartige Gestalt an – wegen ihrer noch durchsichtigen Körper werden sie in diesem Stadium „Glasaale“ genannt. Ein Teil der Jungaale bleibt in den Brackwasserregionen der europäischen Küsten. Die meisten Tiere wandern jedoch die Flüsse hinauf und verbringen hier die nächsten Lebensjahre – in Sachsen sind Elbe und Neiße mit ihren Seitenflüssen ihr natürliches Verbreitungsgebiet. In unseren Gewässern gehören die Aale zu den eher anspruchslosen Fischen. Im Gegensatz zu Lachsen oder Forellen können sie auch in sauerstoffärmeren und nährstoffreicheren Gewässern leben.

Aale kommen in nahezu allen Gewässertypen vor, Stillgewässer werden dabei ebenso besiedelt wie die größeren Flüsse, die den Hauptlebensraum bilden. Sie mögen es jedoch eher warm und fehlen deshalb in den Oberläufen unserer Fließgewässer. Erwachsene Tiere sind nachtaktive Raubfische und ernähren sich von Insekten, Weichtieren, Krebsen, ab einer bestimmten Größe aber auch von anderen Fischen. Erst nach Jahren werden die Tiere geschlechtsreif. Männchen brauchen sechs bis neun, Weibchen sogar 12 bis 15 Jahre. Jetzt beginnt für die Aale die große Rückwanderung ins Meer, die wiederum bis zu zwei Jahre dauern kann. Diesmal müssen sie den Atlantik entgegen dem Golfstrom durchwandern. Am Ziel Sargassosee angekommen paaren sich die Tiere und legen die Eier ins offene Wasser ab – so vermutet man, denn noch kein Mensch hat Aale bei der Paarung tatsächlich beobachten können! Sicher ist aber, dass kein erwachsener Aal von dieser Reise zurückkehrt: wahrscheinlich sterben alle Tiere nach der Paarung.

Gefährliche Zeiten – vom Verschwinden der Aale

Seit etwa 1980 müssen Fischereiexperten und Biologen beunruhigt feststellen, dass jedes Jahr weniger Glasaale die europäischen Küsten erreichen. Aktuellen Schätzungen zufolge ist die Menge inzwischen auf nur 2 Prozent der damaligen Bestände geschrumpft. Manche Wissenschaftler vermuten, dass Änderungen in Temperatur und Nahrungsangebot im Nordatlantik für diese Entwicklung mitverantwortlich sind. Sicher ist, dass die Tiere auch anderen Gefahren ausgesetzt sind:

  • Der natürliche Aalaufstieg ist in der Elbe sehr stark zurück gegangen, in der Neiße erloschen.
  • Die Jungaale werden beim Erreichen unserer Küsten schon von ganzen Fischereiflotten erwartet. Die gefangenen Tiere werden lebend versandt und dienen zum Besatz in Seen und Fischteichen – in Europa, aber auch in Fernost. 
  • Für die abwandernden erwachsenen Aale sind Wasserkraftanlagen an den Flüssen eine besondere Gefahr – in den Turbinen werden abwärts wandernde Aale verletzt oder sogar getötet. In der Schweiz aber auch an der Mosel wurde errechnet, dass kaum ein Aal alle Hindernisse bis zur Nordsee erfolgreich passieren kann.
  • Die Zunahme der Kormoranbestände in Europa gefährdet die Aalbestände in den Binnen- und den flachen Küstengewässern zusätzlich. Da Aale am Gewässergrund leben, werden sie vom Kormoran besonders effektiv gefangen. 
  • Unsere Aale leiden seit einigen Jahren unter einem Parasiten, dem Schwimmblasenwurm Anguillicola crassus. Dieser Parasit führt bei den im Binnenland lebenden Aalen zwar nicht zum Tode, dürfte aber wegen der erheblichen Schädigung der Schwimmblasen dafür verantwortlich sein, dass diese Aale ihren Laichplatz nicht erreichen können. Bei ihrer Wanderung nach Amerika müssen sich die wandernden Aale immerhin täglich zwischen der Oberfläche des Atlantiks und Tiefen von etwa 300 Metern bewegen. Das ist mit einer defekten Schwimmblase unmöglich.

Auch wenn noch nicht alle Gefährdungsursachen vollständig erforscht sind, so sind sich die meisten Fischereiexperten über eines einig: die Zahl erwachsener Aale, die aus unseren Flüssen kommend das Laichgebiet in der Sargassosee erreicht, muss dringend steigen. Denn nur wenn von dort ausreichend Jungfische ihren langen Lebensweg antreten können, werden genug von ihnen unsere Küsten erreichen.

Freie Bahn für Fische – was Sachsen für Aal, Lachs & Co unternimmt

Der Freistaat Sachsen ist schon seit längerem dabei, Wanderungshindernisse für Fische an unseren Flüssen zu beseitigen. Gebündelt werden diese Anstrengungen im „Sächsischen Durchgängigkeitsprogramm für Fließgewässer“ aus dem Jahr 2003. Eines der vordringlichen Ziele dieses Programms ist es, alle Wehre und andere Quersperren für wandernde Fische wieder durchlässig zu machen. Da Wehre nur unter bestimmten Bedingungen abgebaut werden können, gehört der Bau von sogenannten „Fischwanderhilfen“ zum Kern der Maßnahmen. Dies sind idealerweise bachähnliche Gerinne, die um ein Wehr herumführen. Wandernde Fische können über diese Auf- bzw. Abstiegshilfen Hindernisse umgehen. Viel wird in den nächsten Jahren zu tun sein: erst ein Drittel aller Hindernisse ist in Sachsen heute schon für Fische passierbar. An Elbe und Mulde sollen die Maßnahmen mit höchster Priorität durchgeführt werden.

Um den Aalbestand zu sichern, sind allerdings weitere Anstrengungen erforderlich. Deshalb hat die Europäische Union im Juni 2007 eine Verordnung mit Maßnahmen zur Wiederauffüllung des Bestands des Europäischen Aals erlassen. Ziel dieser Maßnahmen ist: zukünftig müssen wieder so viele erwachsene Aale aus den Flüssen ins Meer gelangen, dass dies mindestens 40 % des natürlichen Ausgangszustands entspricht. Sachsen unterstützt diese Anstrengungen mit dem von der EU geförderten Projekt „Wiederauffüllung des Aalbestands im Einzugsgebiet der Elbe“. Im Rahmen dieses Projekts wurden im Jahr 2007 Tausende Jungaale in sächsische Gewässer ausgesetzt. Im Lauf der nächsten Jahre wird untersucht, wie sich diese Besatzmaßnahmen im Einzugsgebiet der Elbe auf die Anzahl abwandernder Aale auswirken.

Übrigens: gute Neuigkeiten gibt es über den bekanntesten „Wanderer“ unter den Fischen, den Lachs! Auch im Jahr 2007 sind wieder viele von ihnen in der Elbe aufgestiegen und zum Laichen nach Sachsen zurückgekehrt.  Umso wichtiger wird es jetzt, alle Hindernisse zu beseitigen, damit unsere Marathonschwimmer wieder freie Bahn haben.

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Bild: Biologische Vielfalt

Postkarte und Begleitheft

Aal  (Anguilla anguilla)

Fotos

Jungaale (Foto: Archiv LfL)

Jungaale warten darauf, in ihre zukünftigen Heimatgewässer entlassen zu werden. Im Rahmen eines von der EU geförderten Projekts wird derzeit auch in Sachsen getestet, ob solche Maßnahmen zu einer Erholung der bedrohten Bestände führen. (Foto: Archiv LfL)

Aal (Foto: Archiv LfL, D. Florian)

So deutlich wie in diesem klaren Gewässer sieht man Aale in Sachsen nur selten - tagsüber verstecken sich die Tiere meist am Gewässergrund und gehen erst mit einbrechender Dunkelheit auf die Jagd (Foto: Archiv LfL, D. Florian)

Ansprechpartner

Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft

Referat 51, Grundsatzfragen, Recht, Umweltbildung