Vogtländisches Rotvieh (Bos primigenius taurus)
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Vogtländisches Rotvieh (Bos primigenius taurus)

Einführung und Historie

Biodiversität hat nicht nur auf der Ebene „wilder“ Arten hohe Bedeutung. Auch unsere Nutztiere und –pflanzen zeichnen sich durch eine große Vielfalt aus. Seit Jahrtausenden züchten Menschen immer neue Sorten und Rassen, die besonders gut an die jeweilige Region angepasst sind. Allein gut 1.300 deutsche Apfelsorten sind heute noch verzeichnet – die Gesamtzahl mit auch „unoffiziellen“ Lokalsorten dürfte mehrfach so hoch sein. Der Grund für die Vielfalt: für jede Region wurden genau die Sorten gezüchtet, die mit den örtlichen Bedingungen am besten zurechtkamen. Für ganz Deutschland betrachtet war dies eine schier unglaubliche Vielfalt.
Heute sind viele dieser alten Haustierrassen und Pflanzensorten vom Verschwinden bedroht. Nur wenige erfüllen die Anforderungen einer intensiven Landwirtschaft und überstehen dazu die langen Transportwege zu den Verbrauchern. Weltweit gelten von 5.330 Säugetierrassen 17 % als ausgestorben und 29 % als bedroht. In Deutschland gibt es zwar noch Dutzende von Rinderrassen, aber fast alle Kühe werden heute von sehr wenigen Rassen gestellt. Auf der aktuellen Roten Liste der „Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen“ sind acht Rinderrassen als stark oder extrem gefährdet eingestuft – darunter auch das Vogtländische Rotvieh.

Diese Rasse entstand im 17. Jahrhundert auf der Grundlage des einfarbigen mitteldeutschen Gebirgsviehs. Die Bezeichnung „Vogtländisches Rotvieh“ ist bereits seit dem 18. Jahrhundert bekannt. Bis Mitte des 19. Jahrhundert war es die vorherrschende Rinderrasse in den Bergen des oberen Vogtlands. Dann begann die großflächige Einfuhr anderer Rinderrassen, die mehr Milch und Fleisch liefern sollten, aber auch auf Stallhaltung und Kraftfutter angewiesen waren. 1907 hatte die Rasse mit 6.400 Kühen noch einen Anteil von 12 % am Kuhbestand im sächsischen Vogtland, doch dieser Anteil nahm ständig ab. In den 1930er Jahren schließlich wurde von amtlicher Seite die Zucht des Rotviehs nicht mehr unterstützt. Nach dem zweiten Weltkrieg ging es zunächst wieder bergauf. Bis 1966 wurde der Gesamtbestand langsam wieder auf 600 Kühe aufgebaut. Doch im zentralen Zuchtprogramm der DDR von 1968 war das Vogtländische Rotvieh nicht mehr zur Weiterzucht vorgesehen.

Dies hätte eigentlich das „Aus“ für diese Rasse bedeuten müssen. Nur in einer LPG und bei einzelnen Bauern blieben Rotviehbestände erhalten. Doch ohne das Engagement von Mitarbeitern des Bauernmuseums Landwüst ab 1989 und zwei einzelnen Züchtern wäre die Rasse früher oder später mit Sicherheit ausgestorben. Aus den wenigen vorgefundenen Alttieren im Vogtland und eingeführten polnischen Tieren (die eng verwandt sind) wurde eine Nachzucht begonnen. Die Bullen stammten aus dem Raum Vogelsberg, dem Westharz und aus dem polnischen Rotviehzuchtgebiet. So konnte 1990 der Verein „Vogtländisches Rotvieh e. V.“ gegründet werden. 1992 erfolgte die Anerkennung des Rotviehs als existenzbedrohte Haustierrasse in Sachsen. Damit waren entsprechende staatliche Förderung und züchterische Betreuung durch den sächsischen Rinderzuchtverband möglich. Die ersten Schritte zur Rettung des Vogtländischen Rotviehs waren unternommen.

Kurzcharakteristik und Nutzungsrichtungen

„Das Vogtländer Rind gehört wohl zu den aller genügsamsten Schlägen, die wir haben. Es leistet für das Wenige, das es erhält, ganz Vorzügliches“ (aus dem Buch „Rasse und Leistung unserer Rinder“ von H. Lehnert, 1896). Die Tiere waren anspruchslos, widerstandsfähig und gute Verwerter rohfaserreichen Futters in den wenig ertragreichen und rauen Mittelgebirgslagen. Das Rotvieh wurde ursprünglich als Dreinutzungsrind gezüchtet: es sollte als Zugtier, zur Milchproduktion und auch als Fleischrind geeignet sein. Hervorgehoben wurde die Veranlagung zur Zugleistung, die Ochsen waren daher in ganz Deutschland als Zugtiere gefragt. Trotz mittlerer Größe zogen sie schwerste Lasten und galten als sehr arbeitswillig. So überrascht es nicht, dass das Rotvieh als „Vollblut unter den Arbeitsrindern“ bezeichnet wurde. Ab Anfang der 1960er Jahre stand der Zweinutzungscharakter (Milch und Fleisch) im Vordergrund, wobei die sehr gute Fleischqualität auch in aktuellen Untersuchungen immer wieder bestätigt wird.

Das heutige Zuchtziel ist ein einfarbig rotes bis rotbraunes, mittelgroßes Rind mit folgenden Merkmalen: rote bis rotbraune Haarfarbe, helles Flotzmaul (Oberlippen-Nasen-Bereich), helle Hörner mit dunklen Spitzen und helle Schwanzquaste. Nur bei einem geringen Teil der Tiere steht die Milchleistung im Vordergrund. Sie beträgt 5.000 Liter Milch pro Kuh und Jahr. Überwiegend wird Rotvieh in der Mutterkuhhaltung zur Grünlandnutzung und Fleischerzeugung eingesetzt. Dabei sind eine volle Bemuskelung, gute Schlachtausbeute und beste Fleischqualität bei feiner Marmorierung ebenso gewünscht wie die gute Milchleistung als Voraussetzung für eine hohe tägliche Zunahme der Kälber.

Situation und Entwicklung der Bestände

Ähnliche einfarbig rote Rinder gab und gibt es in Deutschland in vielen Mittelgebirgen. Sie werden heute als eine Rasse angesehen und gemeinsam als „Rotes Höhenvieh“ bezeichnet. Die Zuchtarbeit des Vogtländischen Rotviehs wird heute gemeinsam mit diesen Rasseschlägen durchgeführt. Dazu gehören Vogelsberger Rotvieh in Hessen, Harzer Rotvieh in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen und Westfälisches Rotvieh. Seit mehreren Jahren koordiniert auch die „Bundesarbeitsgemeinschaft Rotes Höhenvieh“ als Dachverband die Zucht. Der Kuhbestand dieser gesamten Höhenvieh-Population liegt seit dem Jahr 2000 bei ca. 700 Tieren. Rund 100 Kühe beträgt der Anteil des Vogtländischen Rotviehs.

Schutz, Management, Integration in die Nutzung

Die Haltung von Rindern erfolgt in der Regel in einem wirtschaftlichen Umfeld und erfordert eine entsprechende Vermarktung. Beim Rotvieh sind die sehr gute Fleischqualität, aber auch die Eignung für die Weidehaltung und Landschaftspflege echte „Pluspunkte“ für den Halter. Dennoch wird sich das Rotvieh aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht nicht erhalten lassen. Mittelfristig wird es notwendig sein, die Bemühungen von Tierhaltern und Züchtern sowie Organisationen, die für die Zucht verantwortlich zeichnen, in Form staatlicher Zahlungen zu unterstützen. Denn die Erhaltung solch alter Rassen ist auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Dabei sind verschiedene Aspekte von Bedeutung:

  • Aus Sicht der Tierzucht ist eine hohe Vielfalt verschiedener Rassen eine wichtige Quelle für genetisches Material. Eigenschaften des Rotviehs wie Vitalität und Langlebigkeit sind für zukünftige Zuchten von hoher Bedeutung.
  • Genauso ist der kulturelle Aspekt wichtig. Das Rotvieh ist ein lebendes Denkmal der früheren Landnutzung. Es gehört ebenso zur Geschichte Sachsens wie z. B. der Leipziger Hauptbahnhof als Denkmal der Ingenieurbaukunst im Industriezeitalter.
  • Für Landeskultur und Landschaftspflege sind Rassen, die bei geringen Kosten in der Dauerweide eingesetzt werden können, zur Erhaltung des typischen Landschaftsbilds gerade in den Mittelgebirgen von besonderer Bedeutung.

Seitens des Freistaates Sachsen werden entsprechende Aktivitäten unternommen, um die in den letzten Jahren positive Bestandsentwicklung und die daraus resultierende stabile Bestandssituation zu sichern. Dann könnte das „kleine, schöne Rind, dieses treffliche Naturgeschenk, das in gleicher Genügsamkeit und Anpassung an die vogtländische Scholle nie wieder geschaffen werden kann“ (Zitat: Sächsische Landwirtschaftszeitung 1923) tatsächlich überleben.

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Bild: Biologische Vielfalt

Fotos

Vogtländisches Rotvieh

Vogtländisches Rotvieh (Foto: LfUG)

Vogtländische Rotvieh

Vogtländisches Rotvieh (Foto: Archiv Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft, R. Klemm)

Ansprechpartner

Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft

Referat 51, Grundsatzfragen, Recht, Umweltbildung

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