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Stand und Perspektiven der Abwasserbeseitigung im Freistaat Sachsen

Ziele der Abwasserbeseitigung

Für den Standort Sachsen sind der Ausbau und die Modernisierung der abwassertechnischen Infrastruktur eine zentrale Zukunftsaufgabe, die maßgeblich ökologische, ökonomische und soziale Ziele verbindet.

Der Ausbau und die Modernisierung einer ordnungsgemäßen den gesetzlichen Vorgaben (sog. "Stand der Technik") entsprechenden Abwasserbeseitigung in Sachsen müssen daher die nachstehenden vier grundsätzlichen Ziele verfolgen:

1. Sicherstellung des Gewässerschutzes

Durch eine ordnungsgemäße den gesetzlichen Anforderungen entsprechende Abwasserbeseitigung werden die Folgen für die Gewässer durch anthropogene Belastungen wie Wasserge- bzw. -verbrauch und erhöhter Niederschlagswasseranfall infolge Flächenversiegelung sowie Niederschlagswasserableitung gemindert.

2. Sicherstellung der geordneten Trinkwasserversorgung

Abwasserableitung und -behandlung dienen dem Gewässerschutz als eine Voraussetzung für eine ordnungsgemäße Trinkwasserversorgung. Die Einleitung auch von gereinigtem Abwasser in die Gewässer darf nicht zur Beeinträchtigung der Trinkwasserversorgung führen.

3. Sicherstellung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung

Die ordnungsgemäße Abwasserbeseitigung ist wesentlicher Bestandteil und Voraussetzung zur Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung der Infrastruktur für die Lebens- und Wirtschaftsverhältnisse.

4. Sicherstellung bezahlbarer finanzieller Belastungen für die Betroffenen

Umweltschutz ist nicht zum Nulltarif zu haben. Durch belastbare Kostenvergleichsrechnungen ist die wirtschaftlichste Lösung zu ermitteln und zu realisieren, um eine Minimierung der Entgeltbelastungen zu erreichen. Aus diesem Grund sind öffentliche Gruppenlösungen sowie nicht-öffentliche Kleinkläranlagen und abflusslose Gruben im ländlichen Raum von besonderer Bedeutung.

Die Umsetzung dieser grundsätzlichen Ziele im Freistaat Sachsen erfordert eine enge Zusammenarbeit der kommunalen Aufgabenträger mit den zuständigen Behörden sowie eine umfassende Information und regelmäßige Kommunikation mit den betroffenen Bürgern vor Ort.

Stand der Abwasserbeseitigung in Sachsen

Die Abwasserbeseitigung in Sachsen erfolgt über öffentliche und private Kläranlagen. Durch die optimierte Kombination öffentlicher und privater Anlagen bis hin zu Einzellösungen werden die Infrastrukturfolgekosten und die Fixkosten als Standortfaktor für den Bürger möglichst gering gehalten und die Eigenverantwortung gestärkt. Der Anteil der Abwasserkosten an den Gesamtausgaben eines sächsischen Privathaushaltes ist relativ gering. Er beträgt durchschnittlich täglich 38 Cent pro Einwohner (in Deutschland 41 Cent). 

 

Mit Datenstand 31. Dezember 2015) sind im Freistaat Sachsen 686 öffentliche Kläranlagen mit einer Kapazität von 5,7 Mio. Einwohnerwerten (EW) in Betrieb. Diese Anlagen entsprechen dem gesetzlich geforderten Stand der Technik und entsorgen das Abwasser von ca. 89% der Bevölkerung. Außerdem sind im Freistaat Sachsen ca. 86.000 private Abwasseranlagen - Kleinkläranlagen und abflusslose Gruben - nach Stand der Technik in Betrieb.

 

Damit verfügen ca. 96% der Einwohner Sachsens über eine Abwasserbeseitigung - zentral oder dezentral - nach dem Stand der Technik, Tendenz steigend.

 

Im Rahmen öffentlich-rechtlicher Verträge zwischen den für die Abwasserbeseitigung zuständigen kommunalen Aufgabenträgern und den zuständigen unteren Wasserbehörden werden bis 2018 (ausnahmsweise bis 2020) weitere ca. 62.000 Einwohner an öffentliche Abwasserbeseitigungsanlagen angeschlossen. Für ca. 109.000 Einwohner ist der gesetzlich geforderte Zustand noch über die Nachrüstung ihrer privaten Anlagen herzustellen.

 

Berichte zur Umsetzung der Richtlinie des Rates vom 21. Mai 1991 über die Behandlung von kommunalem Abwasser (91/271/EWG)

Nach der EU-Richtlinie über die Behandlung von kommunalem Abwasser sind die Länder verpflichtet, alle zwei Jahre einen Lagebericht zur Abwasserbeseitigung zu veröffentlichen. Der Lagebericht 2002 des Freistaates Sachsen ist als ausführlicher "Statusbericht Abwasser" bekannt gemacht worden.

Landes-/Regionalkonferenzen zur Abwasserbeseitigung im Freistaat Sachsen

Das Sächsische Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft hat unter Mitwirkung des Bildungs- und Demonstrationszentrums für dezentrale Abwasserbehandlung e. V. haben seit 2007 zur Thematik Abwasserbeseitigung im Freistaat Sachsen Landes- und Regionalkonferenzen durchgeführt, in denen weitergehende Ausführungen zu aktuellen Themenkomplexen wie zum Beispiel:

  • Stand der Umsetzung der Richtlinie »Siedlungswasserwirtschaft« - RL SWW/2009
  • Stand der Umsetzung der Abwasserbeseitigungskonzepte
  • Richtlinie »Siedlungswasserwirtschaft« - RL SWW/2016
  • Umsetzung der öffentlich-rechtlichen Verträge
  • weitergehende Reinigungsanforderungen
  • Klärschlamm
  • Energieeffiziente Abwasserinfrastruktur u. a.

beraten wurden.

Perspektiven der Abwasserbeseitigung

Neben dem Erreichen des Standes der Technik bei allen Abwasserbeseitigungsanlagen ist es eine grundlegende Aufgabe, die Anlagen und Kanäle funktionstüchtig zu halten. Schwerpunkt ist hier insbesondere das Kanalnetz.

 

Neue Herausforderungen für die Siedlungswasserwirtschaft ergeben sich perspektivisch aus demografischen und klimatischen Veränderungen. Langfristig steigen außerdem die Anforderungen hinsichtlich der Reinigungsleistung und der Energieeffizienz. Eine hohe Reinigungsleistung der Abwasseranlagen bei maximaler energetischer Nutzung ist eine zukunftsweisende Aufgabe. Dabei sind auch Synergieeffekte der interkommunalen Zusammenarbeit verstärkt zu nutzen. Hauptakteure und Verantwortliche des erforderlichen Anpassungsprozesses sind die für die Abwasserbeseitigung zuständigen kommunalen Aufgabenträger.

 

Demografie

Bis zum Jahr 2030 wird sich die Bevölkerungszahl im Freistaat Sachsen von gegenwärtig 4,1 Mio. Einwohnern voraussichtlich noch weiter auf 3,9 bis 4,0 Mio. Einwohner reduzieren. Für das Jahr 2060 sind ca. 3,1 bis 3,2 Mio. Einwohner prognostiziert. Diese Veränderungen hatten und haben durch den damit verbundenen sinkenden Wasserverbrauch erhebliche Auswirkungen auf den Betrieb und ggf. erforderlichen Anpassungsbedarf der technischen Infrastruktursysteme. Neben dem beschriebenen Bevölkerungsrückgang war Sachsen in den vergangenen Jahren zusätzlich mit einem dramatischen Rückgang des personenbezogenen Wasserverbrauchs konfrontiert. Während in Deutschland dieser durchschnittlich um ca. 12 % zurückging, musste die Wasserwirtschaft im Freistaat Sachsen mit 40 % den größten personenbezogenen Rückgang bundesweit verkraften. Insgesamt halbierte sich hiermit seit 1990 der Wasserverbrauch in Folge des beschriebenen Bevölkerungsrückgangs und des Rückgangs des personenbezogenen Verbrauchs. Es erfolgten deshalb bereits kontinuierlich Veränderungen und Anpassungen sowohl der öffentlichen Infrastruktur als auch der Entgelte. So reduzierten sich beispielsweise die Anzahl der Wasserversorgungsanlagen und Wasserschutzgebiete auf weniger als ein Viertel des Bestands von 1990.

Als Reaktion auf die weiter rückläufige demografische Entwicklung sind für Abwasserbeseitigungssysteme angepasste Strategien erforderlich. Diese können u.a. dezentrale und kleinräumige flexible Lösungen im ländlichen Raum sein. Hier hat der Freistaat Sachsen mit seiner Verwaltungsvorschrift des Sächsischen Staatsministeriums für Umwelt und Landwirtschaft über die Grundsätze für die Abwasserbeseitigung im Freistaat Sachsen (VwV Grundsätze der Abwasserbeseitigung - VwV Abw) die Weichen gestellt.

 

Gemäß § 51 Sächsisches Wassergesetz (SächsWG) ist in den Abwasserbeseitigungskonzepten der kommunalen Aufgabentäger die demografische Entwicklung zu berücksichtigen. Dabei ist die Erarbeitung der Abwasserbeseitigungskonzepte kein statischer Prozess, bei wesentlichen Änderungen sind diese fortzuschreiben.

 

Klima

Klimaveränderungen, wie sie derzeit nachweisbar und auch prognostizierbar sind, führen zu häufigeren Starkniederschlagsereignissen, längeren Trockenperioden und einem weiteren Temperaturanstieg. Das muss in der Anlagenplanung der Abwasseranlagen berücksichtigt werden und führt beispielsweise zu entsprechenden Hochwasserschutzkonzepten, größeren Rückhalte-/Überlaufbecken, zunehmender Ausbindung von Niederschlagswasser oder auch anderen Aufenthaltszeiten der Abwässer in den biologisch arbeitenden Becken. Solaranlagen werden zunehmend auch auf Kläranlagen installiert.  

 

Reinigungsleistung

Seit 1. Januar 2016 sollen grundsätzlich alle Abwasserbeseitigungsanlagen nach dem Stand der Technik arbeiten. Dieser beinhaltet mindestens eine vollbiologische Reinigungsstufe, bei großen Kläranlagen ist eine weitergehende Reinigung mit Nährstoffeliminierung notwendig. Weitergehende Reinigungen können auch für private Kleinkläranlagen bei Einleitung in sensible Gewässer bzw. bei Anforderungen aus der EU-Wasserrahmenrichtlinie gefordert werden. Die Problematik der Eliminierung spezieller Spurenstoffe wie  Arzneimittel ist bisher unzureichend gelöst. Dazu bedarf es weiterer Anstrengungen auf verschiedenen Ebenen.

Das Sächsische Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft unterstützt die Bestrebungen der Europäischen Union,  verstärkt das Vorsorge- und Verursacherprinzip gegenüber End-of-Pipe-Lösungen ins Visier zu nehmen. Nur hierdurch kann aufgrund der Vielfalt der Spurenstoffe und ihrer komplexen Wirkungen nachhaltig ein vorsorgender Gesundheits- und Umweltschutz erreicht werden. Primäres Ziel ist es, diese Stoffe nicht bzw. nur in geringem Umfang in den Wasserkreislauf gelangen zu lassen. Darüber hinaus können auch regional angepasste Technologien in Abwasseranlagen dazu beitragen, akzeptable Emissionswerte an der Einleitung in Oberflächengewässer zu erreichen. Der Einsatz von Aktivkohle mit anschließender Filtration bzw. von Ozonierungsanlagen sind zwei wesentliche Möglichkeiten, auf erhöhte Reinigungsanforderungen zu reagieren. Eine vierte Reinigungsstufe kann derzeit den Austrag von Spurenstoffen nur mindern (je nach Technologie wird nur ein Teil der Spurenstoffe zurückgehalten bzw. umgewandelt). Damit spielt die Forschung sowohl bei der Quellenreduzierung als auch bei der Spurenstoffminderung nach wie vor eine wichtige Rolle. Sollte eine Quellenreduzierung trotz verstärkter Vorsorge bei den Spurenstoffen nicht ausreichend sein und zukünftig anwendungsreife, effiziente und wirtschaftliche Technologien der Reinigung zur Verfügung stehen, kann unter Umständen der Stand der Technik bundesrechtlich fortgeschrieben werden (und damit eine vierte Reinigungsstufe ab einer bestimmten Anlagengröße verpflichtend werden).

 

Energieeffizienz

Abwasserbeseitigungsanlagen stellen mit ca. 20 % des Energieverbrauchs einer Kommune eine der größten kommunalen Energieverbraucher dar. Steigende Energiepreise und die zunehmende Nutzung regenerativer Energien müssen zu neuen Konzepten in der Abwasserwirtschaft führen. Die Erhöhung der Anlageneffizienz kann sowohl über effektivere Einzelaggregate (z.B. effektivere Belüftung) als auch über verbesserte Prozessabläufe mit optimierten Steuerungen z.T. mit ganz neuartigen Konzepten funktionieren. Die Nutzung von Faulgas zur Verstromung ist dabei eine typische Möglichkeit hin zur (teilweisen) Eigenstromversorgung. Dabei sollte die Eigenstromversorgung insbesondere in Zeiträume von Hochpreisstromtarifen gelegt werden. Auch der Klärschlamm ist stofflich bzw. energetisch auszunutzen. Einzelne große Kläranlagen haben heute schon defacto eine autarke Eigen-Energieversorgung.     

Marginalspalte

Bild: Kläranlage Dresden-Kaditz Quelle: Stadtentwässerung Dresden GmbH

Ansprechpartner

Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft

Michael Morawietz

Fachvorträge

  • Demografischer Wandel - Auswirkungen auf die Siedlungswasserwirtschaft
    [Download,*.pdf, 2,35 MB]

    Beitrag des SMUL anläßlich der 4. Sächsischen Gewässertage am 24. Oktober 2007 in Dresden
  • Die Strategie zur weiteren abwassertechnischen Erschließung ländlicher Gebiete im Freistaat Sachsen 2007 bis 2015
    [Download,*.pdf, 0,44 MB]

    Beitrag des SMUL zur DWA-Landesverbandstagung Sachsen/Thüringen am 11. Juni 2008