1. Navigation
  2. Inhalt
  3. Herausgeber
Inhalt

Feldhamster (Cricetus cricetus)

Vom Kulturfolger zur Rarität

Der Feldhamster hat ein Problem – und das Problem sind wir. Jahrhunderte lang hat er unter einem schlechten Ruf zu leiden gehabt. Als »hässliches, boshaftes und bissiges Geschöpf« wird er in einer Ausgabe von »Brehms Tierleben« aus dem Jahr 1926 bezeichnet, das sich »furchterregend vermehrt und dann ungeheuren Schaden anrichtet«. Kein Wunder eigentlich: denn der Feldhamster ist ein Kulturfolger. So bezeichnen wir Arten, die erst in der vom Menschen veränderten Landschaft so gute Lebensbedingungen vorfinden, dass sie sich stark vermehren können. Bei massenhaftem Auftreten können diese Arten dann tatsächlich Schäden anrichten. Doch wie kommt es, dass der Feldhamster heute zu den seltensten und am stärksten bedrohten Säugetieren unserer Heimat gehört?

Ein Steppentier als heimlicher Ackersiedler

Feldhamster sind ursprünglich Steppenbewohner, die – ähnlich wie Ziesel in Osteuropa oder Präriehunde in Nordamerika – in unterirdischen Bauen leben, da die baumlose Landschaft keine Deckung vor Feinden und keinen Schutz vor der nächtlichen Kälte bietet. Sie ernähren sich überwiegend vegetarisch. Im Gegensatz zu vielen in Kolonien lebenden Steppentieren sind Hamster Einzelgänger, nur zur Paarungszeit lassen die Weibchen kurze Besuche der Männchen in ihren Bauen zu. Ihre Baue legen Hamster nur in leichten Böden an, dauerhaft nasse Senken oder schwere Lehmböden werden gemieden. Es entstehen komplexe Gebilde: Neben verschiedenen Kammern für Vorräte, zum Nestbau und als eigene »Hamsterklos« gibt es Aus- und Zugänge und senkrechte Fallröhren. Letztere dienen bei Gefahr als Noteingang.

Den Winter verbringen Hamster in Kammern, die besonders tief gegraben werden – bis zu einem Meter unter der Bodenoberfläche. Dabei sind sie keine »Dauerschläfer«: Ruhephasen mit echtem Winterschlaf, bei dem der Stoffwechsel stark reduziert ist, dauern jeweils nur mehrere Tage. Dazwischen wachen die Hamster auf und versorgen sich mit den Vorräten, die sie im Herbst eingebracht haben. Übrigens sind Feldhamster viel größer als die verwandten Goldhamster, die wir als Haustiere kennen: Ausgewachsene Männchen können 35 cm Körperlänge erreichen und gehören damit eher in die Größenklasse von Zwergkaninchen. Die etwas kleineren Weibchen bringen zweimal im Jahr fünf bis zwölf Junge zur Welt, die nach etwa vier Wochen erwachsen sind und den Mutterbau verlassen. In jüngerer Zeit haben die Hamster Nachwuchssorgen, die angegebenen hohen Jungenzahlen werden schon seit einigen Jahren nicht mehr erreicht.


In Mitteleuropa waren die Getreidefelder in der vorindustriellen Landwirtschaft ein wahres Paradies für diese Art. Im Sommer fanden sie Deckung unter den Halmen, die nach der Ernte für längere Zeit als dichte Stoppelbrache stehen blieben. Und die Getreidekörner sammelte der Hamster als Wintervorrat – als »Hamstern« ist diese Tätigkeit in unsere Sprache eingegangen. Doch für die Bauern bedeutete dies alles vor allem eines: eine Verminderung des Ertrags und eine Erschwerung bei der Bearbeitung. Hinzu kam ein buntes, leichtes, aber sehr dauerhaftes Fell, das sich leicht vermarkten ließ. So wurden Hamster seit dem 19. und vor allem im 20. Jahrhundert, als sie in Mitteleuropa ihre größte Verbreitung fanden, als Schädling flächendeckend verfolgt. Noch 1966 wurden in den Volkseigenen Erfassungs- und Aufkaufbetrieben für tierische Rohstoffe über eine Million Hamsterfelle verarbeitet!

Katastrophaler Bestandseinbruch – stirbt der Hamster in Sachsen aus?

Dass der Feldhamster heute zu den seltensten und am stärksten bedrohten Säugetieren unserer Heimat gehört, liegt aber nur teilweise an der Verfolgung durch den Menschen. Viel stärker machte den Nagetieren die Umstellung der Landwirtschaft auf eine intensive Produktion zu schaffen, die in den 1960er und 1970er Jahren umgesetzt wurde:

  • Durch den Einsatz von effektiven Erntemaschinen bleiben bei der Getreideernte kaum noch Körner oder gar ganze Ähren in der Feldflur übrig. Besonders junge Hamster können am Jahresende nicht mehr ausreichend Wintervorräte anlegen – zwei Kilogramm benötigen sie mindestens – und verhungern in ihren Bauen.
  • Größere und stärkere Pflüge bewirken, dass die Böden in größerer Tiefe umgearbeitet werden. Dabei werden gerade die Jungtier- und Sommerbaue, die manchmal nur wenige Dezimeter Tiefe erreichen, zerstört.
  • Heutige Produktionszyklen sehen vor, dass Felder meist unmittelbar nach der Ernte wieder umgebrochen und eingesät werden. Den Hamstern fehlt damit die lebenswichtige Deckung vor ihren zahlreichen Raubfeinden. Füchse, Marder, Wiesel und Greifvögel können die verbliebenen Tiere viel leichter erbeuten.

Seit Jahrzehnten sind die Feldhamster in Deutschland immer seltener geworden. Aus vielen Landschaften sind sie schon lange ganz verschwunden. Seit Ende der 1980er Jahre ist der Feldhamster deshalb in ganz Deutschland streng geschützt. Eine ähnliche Entwicklung musste in ganz West- und Mitteleuropa festgestellt werden. Auch die Europäische Union hat den Feldhamster 1992 in die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) als »streng geschützte Art von gemeinschaftlichem Interesse« aufgenommen. Dies verpflichtet die Mitgliedsstaaten zur Sicherung langfristig überlebensfähiger Populationen.

Sachsen war in den 1930er Jahren mit Ausnahme der Gebirge im Süden und Heidegebiete im Nordosten flächendeckend von Hamstern besiedelt, Hauptverbreitungsgebiet war die Leipziger Tieflandsbucht. Vor einigen Jahrzehnten gab es immer noch größere Siedlungsgebiete, die allerdings schon durch Lücken getrennt waren. Heute ist nur noch in der Umgebung von Delitzsch an der Grenze zu Sachsen-Anhalt ein Restbestand zu finden. Die letzte Kartierung im Jahr 2007 ergab hier nur noch einzelne Baue, so dass klar ist: ohne Sofortmaßnahmen ist der Hamster in Sachsen nicht mehr zu retten!

Verbreitung Feldhamster

Erst in den 1920er und 1930er-Jahren erreichte der Feldhamster in Sachsen seine größte Verbreitung – umso rapider nahmen die Bestände in den letzten Jahrzehnten ab. Aktuell kann er nur noch an der Grenze zu Sachsen-Anhalt bei Delitzsch gefunden werden.

Landwirte als Lebensretter

Feldhamster können bei uns nur in ackerbaulich genutzten Gebieten dauerhaft überleben. Dabei ist eines klar: zu einer Massenvermehrung wird es ganz sicher nicht mehr kommen. Dazu sind inzwischen die Bestandszahlen zu gering. Selbst wenn es gelingt, den Hamster vor dem Aussterben zu retten, wird er keine großen Schäden mehr in der Flur anrichten können. Das ist wichtig, denn ohne aktive Mitarbeit der Bauern sind alle Versuche, diese Tiere als Bestandteil unserer heimischen Fauna zu erhalten, zum Scheitern verurteilt.

Wichtigste Aufgabe ist in den nächsten Jahren, die letzte sächsische Population im Landkreis Delitzsch zu retten. Dazu müssen die betroffenen landwirtschaftlichen Betriebe bereit sein, in der Umgebung der letzten Hamsterbauten Schonflächen einzurichten, auf denen ein Teil des Getreides für die Tiere stehen gelassen wird.

Mittelfristig sollten im ganzen ehemaligen Siedlungsgebiet um Delitzsch auf möglichst vielen Feldern Maßnahmen zum Hamsterschutz umgesetzt werden. Dazu gehören:

  • Beschränkung der Bodenbearbeitung auf eine Tiefe von höchstens 25 cm.
  • Anlage von Getreidestreifen, die nicht geerntet werden.
  • Verzicht auf Feldarbeiten nach Einbruch der Dämmerung.

Damit es nicht zu wirtschaftlichen Ausfällen kommt, müssen diese Maßnahmen von der öffentlichen Hand unterstützt werden. Dann zeigt das Beispiel anderer Länder, dass der Hamster auch bei uns eine Überlebenschance hat.

Marginalspalte

Bild: Biologische Vielfalt

Postkarte und Begleitheft

Feldhamster (Cricetus cricetus)

Fotos

Feldhamster (Foto: Archiv LfUG, K.-H. Trippmacher)

An dem offenen Erdaushub mit Ein- und Ausgangsröhren im Getreidefeld ist ein frischer Hamsterbau gut zu erkennen, auch wenn der Bewohner nicht herausschaut. (Foto: Archiv LfUG, K.-H. Trippmacher)

Hamster (Foto: Archiv LfUG, K.-H. Trippmacher)

Feldhamster vor seinem Bau – ein seltener Anblick. Nicht nur sind die Tiere sehr scheu und verlassen tagsüber fast niemals den Bau, sondern sind inzwischen fast im ganzen Land ausgestorben (Foto: Archiv LfUG, K.-H. Trippmacher)

Ansprechpartner

Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft

Referat 56, Schutzgebiete, Biotop- und Artenschutz